Briefkastenfirmen – Haushaltssperre statt Steuerglück in Zossen

– In Zossen gibt es zahlreiche virtuelle Unternehmenssitze – oft nur Briefkastenadressen ohne echte Geschäftstätigkeit
– Vor Ort sind mehr als 2.000 Firmen gemeldet, teils über 100 in einem Haus Finanzbehörden haben seit 2025 verstärkt überprüft – Zossen muss nun rund 20 Millionen Euro zurückzahlen

Von Markus Reher und Alexander Goligowski

In der Friedensstraße in Zossen (Teltow-Fläming) könnte man einen Unternehmenssitz buchen, wenn man wollte – ­einen „VirtualOffice Unternehmenssitz mit 270% Gewerbesteuer-Hebesatz“ ab 199 Euro/Monat. So steht es in einer Internetanzeige [craftmax.com]. Die parteilose Bürgermeisterin von Zossen, Wiebke Şahin-Connolly, wundert sich: „Ich frage mich, was ein virtuelles Büro bedeutet.“

Den Fotos im Internet zufolge befindet sich das Büro in einer gelblich-ockerfarbenen Baracke hinter einem Lamellenholzzaun. An dem Zaun ist eine Tafel mit Straße, Hausnummer, Internetadresse und einer Berliner Telefonnummer befestigt. Zudem ein Briefkasten und der Hinweis: „Geschäftsadresse mit Sekretariatsservice“.

Die Bürgermeisterin wundert sich über noch etwas: über die Fotos. „Man sieht natürlich, dass das eigentliche Gebäude, wo der Firmensitz ist, mit dem virtuellen Büro so gar nichts zu tun hat, weil das ist ja ein mehrstöckiges Haus.“

Briefkästen, Briefkästen und noch mehr Briefkästen

Zossen hat ein Briefkastenproblem, so scheint es. Es gibt einfach zu viele davon, mehr jedenfalls, als es tatsächlich Firmensitze zu geben scheint. Das legen Recherchen von „Frag den Staat“ und dem ZDF-Magazin Royale nahe, nachzulesen auf dem Portal steueroasen.watch.

2.155 Unternehmen gibt es laut dem Portal in der Gemeinde, bei gut 22.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Allein 153 Firmen sitzen demnach in einem überschaubaren zweigeschossigen Altbau an der Hauptstraße. In einem ähnlichen Altbau im Stadtkern, an dem ein Sparkassen-Logo prangt, sollen es 129 sein. Im alten Schloss von Zossen sind es laut steueroasen.watch 123 Firmen – darunter das Management einer bekannten deutschen Rapperin.

Niedrige Gewerbesteuer als fragwürdiger Standortfaktor

Zossen wirbt mit verkehrsgünstiger Lage an Autobahn und Bundesstraßen sowie der Nähe zum Flughafen BER in Schönefeld (Dahme-Spreewald). Und: Zossen lockt mit einem vergleichsweise niedrigen Gewerbesteuerhebesatz – nur 270 Prozent, bis 2021 waren es sogar nur 200. Im nahen Berlin sind es 410, bundesweit im Schnitt 438. Das hat die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) für 2025 erhoben [dihk.de].

Mit den niedrigen Hebesätzen wirbt im Internet auch die Seite „Gewerbezentrum Zossen“ [gewerbezentrum-zossen.de]. Auch sie bietet Büroräume in Zossen an, „Coworking-Space“, wie es auf der Homepage heißt, plus Post- und Scanservice. Auf eine Anfrage an die E-Mail-Adresse, die auf der Seite angegeben ist, bekommt man schnell einen Anruf von einem jung klingenden Mann, der seinen Namen hier nicht lesen möchte. So kurzfristig könne er leider kein Interview vor Ort in Zossen geben, doch schriftlich beantworte er Fragen gern: Die Kunden seien überwiegend Einzelunternehmer, kleine GmbHs und Unternehmensgesellschaften aus den Bereichen Beratung, Beteiligungsgesellschaften, digitale Geschäftsmodelle.

„In solchen Gesellschaften fällt oft nur sehr wenig operatives Tagesgeschäft an – vielleicht ein paar E-Mails im Monat. (…) Die sind heute hier, morgen dort, bundesweit oder international unterwegs. Trotzdem braucht man einen festen Firmensitz – allein schon aus rechtlichen und organisatorischen Gründen.“ Zossen sei da ideal, schreibt der Mann: „Nah am Wohnort vieler Unternehmer im Berliner Umland, (…) ohne die Kostenstruktur einer Großstadt.“ Und dann gebe es noch „einen leichten Gewerbesteuervorteil“.

Zossen – kein Einzelfall

Gewerbesteueroasen gebe es in Deutschland im Grunde nahe jeder Großstadt, sagt Christoph Trautvetter, vom Netzwerk Steuergerechtigkeit. Die Grenze zwischen Steuervermeidung und Steuerhinterziehung sei da oft schwer zu ziehen. Das Problem sieht der Ökonom auch noch woanders: „In den Gewerbesteueroasen sehen wir vor allen Dingen große Konzerne und reiche Privatpersonen, die weniger Steuern zahlen, weniger zum Gemeinwohl beitragen, als sie das fairerweise tun müssen.“ Sie nutzten die Infrastruktur und gut gebildete Arbeitskräfte in den Großstädten, verschöben ihre Gewinne aber in die Steueroasen, wie Zossen etwa – und entzögen sich so der Finanzierung genau dieser Infrastruktur und Arbeitsplätze in den Großstädten.

Jährlich erzeuge das bundesweit einen Schaden von etwa einer Milliarde Euro, so Trautvetter. Ein Gerechtigkeitsproblem nennt er das. Und: Die Steuerbehörden in Brandenburg hätten lange wenig Interesse gehabt, „da sehr kritisch nachzufragen“. Das habe sich inzwischen geändert.

Zossen muss Gewerbesteuern zurückzahlen

Es stellt sich die Frage: Was tun die Behörden? Bei einer Nachfrage beim Finanzamt in Luckenwalde, das für Zossen zuständig ist, verweist die Behörde an das Landesfinanzministerium. Das antwortet, es habe inzwischen Überprüfungen zur „tatsächlichen wirtschaftlichen Tätigkeit“ von Unternehmen gegeben.

Bis Oktober 2025 seien in Zossen etwa 360 Unternehmen überprüft worden. „Bei 164 der überprüften Unternehmen konnte kein Ort der Geschäftsleitung in Zossen festgestellt werden“, teilt das Finanzministerium mit. In der Mehrzahl dieser Fälle wurde deshalb die Abgabe der Steuerakten an die tatsächlich zuständigen Finanzämter eingeleitet und in 16 Fällen die Einleitung eines Steuerstrafverfahrens veranlasst.

Klar ist schon jetzt: Zossen muss in den nächsten zwei Jahren 20 Millionen Euro an eingenommenen Gewerbesteuern zurückzahlen, weil das Finanzamt allein für die Jahre 2018 und 2019 festgestellt habe, dass der eigentliche Betriebssitz nicht in der Stadt gewesen sei, sondern in einer anderen Kommune, erzählt Bürgermeisterin Şahin-Connolly.

Der Kämmerer hat auch deshalb eine Haushaltssperre verhängt. Die Bürgermeisterin spricht von einem „Genickbruch“. Zossen muss nun bei den freiwilligen Aufgaben sparen, bei Sportplätzen etwa, der Straßenbeleuchtung oder der Pflege der Grünanlagen. Doch es gebe Hoffnung, sagt die Bürgermeisterin: ein starker Mittelstand. Nicht jeder Gewerbesteuerzahler in Zossen sei schließlich eine Briefkastenfirma.

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